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Fachtag 50 Jahre Psychiatrie-Enquete

Meldung vom 21.10.2025 anregender Austausch!

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Unter dem Titel „50 Jahre Psychiatrie-Enquête – Sozialpsychiatrische Dienste als zentraler Baustein der Gemeindepsychiatrie“ versammelten sich Experten, Interessierte, Betroffene und Angehörige im Josefsaal des BRK Zentrum in Plattling, um die historische Entwicklung und die Zukunftsperspektiven der gemeindepsychiatrischen Strukturen zu beleuchten, aber auch kritisch zu hinterfragen.
Ausgerichtet wurde die Fachtagung vom Sozialpsychiatrischer Dienst des BRK Deggendorf in enger Zusammenarbeit mit der PSAG Deggendorf sowie mit maßgeblicher Unterstützung der Regierung von Niederbayern und des Landratsamtes Deggendorf.


Mit der „Psychiatrie-Enquête“ des Deutschen Bundestages wurde 1975 ein grundlegender Re-formprozess in der psychiatrischen Versorgung der Bundesrepublik eingeleitet. Der Bericht der Enquête-Kommission deckte gravierende Missstände auf und formulierte umfassende Empfehlungen für eine gemeindenahe, menschenwürdige und sozial orientierte Psychiatrie. Zum ersten Mal wurde die Situation von Menschen mit psychischen Erkrankungen systematisch untersucht – und schonungslos kritisiert. Die Enquête markierte den Beginn der modernen sozialpsychiatrischen Bewegung in Deutschland und hatte tiefgreifende Auswirkungen auf Versorgung, Haltungen und Strukturen.


Dies nahmen die Veranstalter als Anlass für den Fachtag, da im Zuge dieser Reform auch der Sozialpsychiatrische Dienst in Plattling gegründet wurde.


Als Kreisgeschäftsführer des BRK Deggendorf eröffnete Gerhard Gansl die Tagung mit einem Rückblick auf die Entwicklung der unterschiedlichen Bereiche des Spdi. Schon 1981 wurde mit einer Beratungsstelle begonnen, Anfang der 90 iger Jahre kamen neue Angebote hinzu, so dass für Menschen mit psychischer Erkrankung und Behinderung in den Bereichen Wohnen, Freizeit, Arbeit und Beratung wohnortnahe Angebote vorhanden sind. In seiner Rede nahm er die Zuhörer mit auf lokalhistorische Reise, von den Räumlichkeiten zur Psychiatrie-Enquête bis zur konkreten Implementierung gemeindenaher Hilfen vor Ort im LK Deggendorf. Besonders hervorgehoben wurden die einzelnen Tätigkeitsbereiche: das Tageszentrum, das Menschen mit psychischer Erkrankung einen strukturierten Tagesablauf und soziale Teilhabe bietet, das Hinzuverdienstprojekt TagWerk, welche die berufliche und gesellschaftliche Wiedereingliederung fördern, die Bedeutung des Lebensmitteladens, der nicht nur der Versorgung dient, sondern auch ein Ort der Begegnung und der praktischen Rehabilitation ist bis hin zu den Wohnangeboten.


Die politische Rückendeckung für die gemeindepsychiatrischen Bemühungen wurde durch die Grußworte des stellvertretenden Landrats Josef Färber, in Vertretung von Landrat Bernd Sibler, untermauert. In seiner Rede hob Josef Färber die unverzichtbare Bedeutung der Sozialpsychiatrie für die Stabilität des Landkreises hervor. Er betonte, dass eine moderne, bürgernahe Kreisverwaltung heute nicht mehr ohne ein leistungsfähiges Netz von psychosozialer Gesundheitsversorgung denkbar sei. Die Sozialpsychiatrischen Dienste seien ein wichtiger Faktor, um die Lebensqualität der Bürger zu sichern. Ein besonderer Dank galt der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft (PSAG) Deggendorf. Er würdigte die intensive, koordinierte und engagierte Arbeit der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft.


Anschließend richtete Günther Skibbe, der Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes (SpDi), das Wort an das Auditorium. Er hieß die zahlreichen Fachbesucher ebenfalls herzlich willkommen und nutzte die Gelegenheit, einen prägnanten Überblick über die Arbeit des SpDi-Beratungsdienstes zu geben. Er betonte die essenzielle Rolle des Dienstes als niedrigschwellige Anlaufstelle für Menschen in psychischen Krisen oder Belastungssituationen.


Bevor der erste Referent seine fachlichen Ausführungen begann, ergriff der Geschäftsführer der PSAG Tobias Zitzelsberger das Wort für eine eindringliche Mahnung. Mit klarem Blick auf die Geschichte erinnerte er das Auditorium an die dunkelsten Zeiten des Nationalsozialismus und die Euthanasie-Verbrechen an psychisch kranken und behinderten Menschen. Diese historische Zäsur diene als ewige Verpflichtung: „Es ist unerlässlich, Wachsamkeit zu bewahren und kompromisslos für eine offene, humanistische Gesellschaft einzutreten.“ Jeder investierte Euro in die Sozialpsychiatrie – in Beratung, Rehabilitation, Teilhabe und Inklusion – sei nicht nur eine ethische Notwendigkeit, sondern volkswirtschaftlich gut investiertes Geld, so Tobias Zitzelsberger.


Herr Kaveh Tarbiat eröffnete die Vortragsreihe mit tiefgehenden Einblicken in die Angehörigenarbeit. Dazu gehört die Arbeit im Verband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen, der Aufbau von Selbsthilfegruppen vor Ort als auch konkret eine gezielte Unterstützung für die Familien und Partner durch Einzelberatung. Angehörige tragen oft die Hauptlast der emotionalen und organisatorischen Betreuung, umso mehr ist ein Selbsthilfenetzwerk zur Entlastung notwendig. Kreisverband Deggendorf.
Im Anschluss daran fesselte Herr Márton Drégelyi das Auditorium mit seinem persönlichen Bericht als Psychiatrieerfahrener. Sein Vortrag über Selbsthilfegruppen und seine eigenen Genesungserfahrungen war ein eindrucksvolles Plädoyer für Empowerment und Recovery. Er demonstrierte, wie der Austausch auf Augenhöhe und das Prinzip der Gegenseitigkeit in Selbsthilfegruppen Entstigmatisierung und aktive Teilhabe fördern.


Besonderes Interesse weckte seine Vorstellung des Psychoseminars im Landkreis Landshut. Dieses ist ein gutes Beispiel für die Trialogische Arbeit, bei der Psychiatrieerfahrene, Angehörige und professionelle Helfer gleichberechtigt auf Augenhöhe zusammenkommen.


Ein Highlight der Fachtagung war der Vortrag von Agnes Kolbeck, Pflegedirektorin des Bezirks-klinikum Mainkofen, die das essenzielle Thema „Psychiatrische Pflege im Wandel“ beleuchtete. Sie zeichnete die Entwicklung der Pflege in der Psychiatrie von ihrer historischen Rolle hin zu einer eigenständigen, modernen und hoch professionalisierten Profession nach. Sie hob hervor, dass die Psychiatriepflege früher im Schatten der Medizin stand. Heute agiert sie vielmehr als therapeutischer Partner im multiprofessionellen Team. Im Zentrum der modernen Psychiatriepflege steht die Beziehungsgestaltung als Kernkompetenz – eine professionell geführte therapeutische Beziehung, die Genesungsprozesse aktiv unterstützt und Ressourcen fördert.
Frau Kolbeck nahm anhand ihrer Bildergeschichte die Zuschauer mit auf die Reise zum modernen Krankenpflegeberuf, dem eine eigenständige Aufgabe zugeschrieben wurde.
Dieses neue berufliche Selbstbewusstsein drückt sich aus in Haltung als Vorleben und Selbstreflexion, in der Beziehungsgestaltung und der eigenständigen Handlung.
Als Hauptreferenten konnte Dr. Klaus Obert, Diplom-Sozialpädagoge und ein ausgewiesener Experte und Zeitzeuge der Reformbewegung gewonnen werden, der maßgeblich am Auf- und Ausbau der Sozialpsychiatrischen Dienste und des Gemeindepsychiatrischen Verbunds (GPV) in Stuttgart beteiligt war. Sein Vortrag bot eine fundierte Synthese aus historischer Analyse, praktischer Erfahrung und theoretischer Reflexion.


In einem kurzen Abriss hin zur modernen Sozialpsychiatrie wurde am Beispiel Stuttgart eine moderne ambulante gemeindenahe Versorgung psychisch erkrankter Menschen skizziert.
Dabei darf auch das Thema Versorgungsverpflichtung der ambulanten Träger, Zusammenarbeit im Gemeindepsychiatrischen Verbund (GPV) oder auch die Versorgung forensischer Patienten nicht ausgeklammert werden.
Das weitere Augenmerk seines Vortrags lag auf der konkreten Anwendung des Konzept des Alltags- und lebensweltorientierten Handeln.
Dabei steht der Mensch als Individuum in seiner Lebenswelt im Zentrum, das Verstehen und Anerkennung der Wahrnehmungen als ihre Realität aber auch die kritische Auseinandersetzung damit durch Ernstnehmen und offenem, strukturiertem und transparentem Handeln.
Als Resümee steht der SpDi als zentraler Baustein und Kern der ambulanten Grundversorgung im Gemeindepsychiatrischen Verbund. Der SpDi braucht die dafür notwendige berufsgruppen-übergreifende Kompetenz mit den erforderlichen Ressourcen, die auch die Implementierung hoheitlicher Aufgaben beinhaltet, hin zu einer konsequente Ambulantisierung der Kliniken.
Keine Einrichtung arbeitet so niederschwellig, ambulant-aufsuchend, Alltags und Lebenswelt-orientiert und damit sozialraumbezogen wie der SpDi. Diese Aufgabe und Funktion müssen stärker in den Vordergrund gerückt werden.
Angesichts neuer gesellschaftlicher Herausforderungen und der damit verbundenen Gefahren forderte er dazu auf, die utopischen und reformatorischen Kräfte der Psychiatrie-Enquête neu zu beleben.
Höchst zufrieden zeigten sich Günther Skibbe und Tobias Zitzelsberger mit der Veranstaltung und bedankten sich bei den vielen Helfern und Unterstützern.

Die Veranstaltung bot Raum für einen lebendigen Austausch zwischen Fachpublikum, Betroffenen, Angehörigen und Interessierten. Dabei wurde deutlich, dass der Weg der Entstigmatisierung und Verbesserung der Versorgungsstrukturen auch weiterhin großes Engagement erfordert. Der Sozialpsychiatrische Dienst Plattling sieht sich diesem Auftrag auch in Zukunft verpflichtet.
Aufgrund der guten Resonanz wird Veranstaltung im nächsten Jahr fortgesetzt.

Artikel von Tobias Zitzelsberger und Günther Skibbe

Kategorien: News

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