Meldung vom 30.04.2026 Ein Überblick über aktuelle Konsumtrends und die Macht der digitalen Medien
Mainkofen. „Update Sucht: Aktuelle Konsumtrends und die Macht der digitalen Medien“ – so lautete der Titel des diesjährigen Niederbayerischen Suchtforums, das am 29. April 2026 am Bezirksklinikum Mainkofen stattgefunden hat. Auch in diesem Jahr ist die Veranstaltung wieder gemeinsam von dem Bezirksklinikum und der PSAG Deggendorf (Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft) ausgerichtet worden.
Zunächst begrüßten Frau Bezirksrätin Renate Wasmeier, Prof. Dr. Johannes Hamann, Ärztlicher Direktor in Mainkofen, Dr. Ute Blau, Chefärztin der Abteilung Abhängigkeitserkrankungen, sowie Tobias Zitzelsberger von der PSAG die rund 160 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Festsaal und betonten dabei die Wichtigkeit dieser sich dynamisch entwickelnden Thematik. Wohin steuern wir in den aktuellen Konsumtrends? Dieser Frage gingen drei Referenten aus verschiedenen Blickwinkeln nach.
Zunächst gab Prof. Dr. Heino Johann Stöver, emeritierter Professor an der Frankfurt University of Apllied Sciences, in einem Online-Vortrag einen Überblick über die aktuellen Konsumtrends. Dabei ging Prof. Stöver der Frage nach, inwieweit wir eine drogenaffine Gesellschaft sind und lieferte gleichzeitig die Antwort: „Wir sind es.“ Zwar würden Jugendliche und Heranwachsende mittlerweile weniger zu Alkohol, Tabak und Cannabis greifen. Stattdessen seien aber andere Drogen auf dem Vormarsch. Seit 2009 sind laut Europäischem Drogenbericht 2025 insgesamt 88 neue synthetische Opioide auf dem europäischen Markt. Vor allem Fentanyl und Nitazene bergen dabei eine hohe Gefahr von Vergiftungen mit Todesfolge. Auch in Deutschland gibt es Indizien für vermehrt aufkommende synthetische Opioide. „Erschreckend ist der sogenannte polyvalente Konsum, also der gleichzeitige oder zeitnahe Konsum verschiedener legaler und illegaler Substanzen. Diesen Trend müssen wir stärker beobachten, es ist eine gefährliche Gemengelage“, sagte Prof. Dr. Stöver und betonte gleichzeitig die Wichtigkeit präventiver Maßnahmen.
Die Entwicklung der synthetischen Opioide beleuchtete Dr. Franziska Schneider, stv. Leitung Deutsche Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht, IFT Institut für Therapieforschung GmbH, in ihrem Vortrag genauer. So spielt Heroin in der Drogenszene seit längerer Zeit keine große Rolle mehr, stattdessen ist eine Ausweichbewegung hin zu anderen Substanzen zu beobachten. Besonders junge Erwachsene würden opioidhaltige Schmerzmittel wie Oxycodon oder Tilidin konsumieren, dies sei ein Einstieg in die Sucht. „Diese Substanzen werden als `Runterkommer´ in der Partyszene eingenommen. Dabei wird die Einnahme als unproblematisch gesehen. Zudem können die Mittel digital einfach beschafft werden. Das läuft ab wie die Bestellung einer Pizza“, erklärte Dr. Schneider. Dabei würden die Gefahren von „Fake Pills und Fake Medication“ völlig unterschätzt beziehungsweise gar nicht gesehen. So können beispielsweise in Oxycodon-Tabletten Nitazen oder in Blotterpapier Cychlorphine beigemischt sein. Die Wirkung ist damit eine vollkommen andere und lebensgefährlich. „Wir beobachten, dass die Einnahme von opioidhaltigen Schmerzmitteln verherrlicht und heruntergespielt wird. Zudem sind die jungen Leute sehr risikofreudig. Das ist ein gefährlicher Trend“, sagte Dr. Schneider und wies abschließend darauf hin, dass es zugleich an Prävention, Aufklärungsarbeit und flächendeckenden, toxikologischen Daten mangele. „Der Ausbau an Monitoring- und Warninstrumenten ist dringend nötig“, mahnte Dr. Schneider.
Digitale Medien und Abhängigkeit – Eltern sind gefragt
Einer anderen Sucht widmete sich Mel-David Tersteegen, M.A. Soziale Arbeit FH bei Condrobs e.V. in seinem Vortrag „Digitale Medien und Abhängigkeit“. Bereits in ihrer Begrüßung verwies Bezirksrätin Wasmeier auf dieses wichtige Thema, in dem die Erwachsenen viel mehr als Vorbilder fungieren müssten. Dies bestätigte Tersteegen in seinem Vortrag. Vor allem das Umfeld zu Hause würde einen großen Einfluss auf das Nutzungsverhalten haben. „Kinder eifern nach, wenn Eltern am Handy sind. Wenn Eltern ihrem Kind ein Handy geben, müssen sie es begleiten, das ist mit Arbeit verbunden. Der Medienerziehung kommt eine wichtige Bedeutung zu. Das Thema gehört eigentlich in den Geburtsvorbereitungskurs.“
Relevant für eine Abhängigkeit seien Videospiele und Social Media. Dabei müsse man unterscheiden zwischen exzessiver Internetnutzung (z.B. zeitlich ausufernde Nutzungszeiten und eine gedankliche Eingenommenheit) und einem pathologischen Nutzungsverhalten. Gerade bei Jugendlichen sei eine exzessive Mediennutzung oft zeitlich begrenzt und auf entwicklungsbedingte Faktoren zurückzuführen. Umso wichtiger sei die Prävention, die
sowohl über Eltern / das familiäre Umfeld als auch über Schulen und durch Fachkräfte stattfinden würde.
„Es benötigt gezielte verhaltensbezogene Präventionsarbeit“, so Tersteegen. Für Eltern würde dies bedeuten, medienkompetente Ansprechpartner für Kinder und Jugendliche zu werden. Dafür müssten sie die eigene Mediennutzung und Haltung reflektieren. Auch schulbasierte Angebote seien sehr sinnvoll und seien bei Einbezug der Eltern besonders effektiv. Man müsse sich aber immer im Klaren sein, dass es keinen hundertprozentigen Schutz vor einem falschen Nutzungsverhalten gibt. „Wichtig ist die elterliche Beziehung und dass die Eltern und das Kind im Kontakt und im Gespräch bleiben“, sagte Mel-David Tersteegen.
Autorin: Christiane Alenfeld


Bildunterschrift (Fotoquelle: BK Mainkofen/C. Alenfeld):
Die Referenten und Veranstalter des „Niederbayerischen Suchtforums“ (v.li.): Prof. Dr. med. J. Hamann, Ärztlicher Direktor; T. Zitzelsberger, PSAG Deggendorf; W. Andrusch, Sozialpädagogischer Dienst BK Mainkofen; M.-D. Tersteegen, Condrobs e.V.; Dr. U. Blau, Chefärztin Abteilung Abhängigkeitserkrankungen; Dr. F. Schneider, IFT Institut; Bezirksrätin R. Wasmeier
Kategorien: News
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